τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Montag, 21. Mai 2018

In der Metaphysik lesen (BUCH VII (Z), 1035b 34 – 1036a 14)


Zunächst kurze Erörterung der Unterscheidung zwischen Sache und Ding: Sache sei ein weiterer Begriff, der auch verallgemeinerbar sei; so ist nach WS ein Bild ein Ding, die Malerei aber könne als Sache bezeichnet werden. WK weist in diesem Zusammenhang auf die wichtige Unterscheidung zwischen Sache und Tatsache hin: Sache hat immer auch  einen Wert (ist ein „Gut“), während eine Tatsache eine „beweisbare“ Sache bzw. ein Sachverhalt sei.
So oder so geht es bei Aristoteles  im Buch VII immer um den Begriff „Wesen“: zunächst was es eigentlich ist, dann um die Frage der Entstehung und nun eben um die Abgrenzung zwischen Teil und Ganzem. Teile des Ganzen aber gibt es gemäß dem gelesenen Absatz sowohl von der Form als auch vom Stoff und vom Kompositum Form und Stoff. Das bedeutet zunächst einmal einfach, dass Teile wichtig sind, WS: „Körper sind vielteilige Wesen“, man kann sie als „gegliederte Ausdehnung“ sehen.
Dann aber geht es auch um die Frage der Möglichkeit, Teile definieren zu können. Nach Aristoteles ist dies beim Konkreten nicht möglich, dieses könne vielmehr nur „durch Denken oder Sinneswahrnehmung erkannt“ werden. Denn definieren kann man nur Allgemeines (WS: individuum = ineffabile). Kann man Teile der Form definieren? Ja, durch nähere Bestimmung von Art und Gattung (Genus und Spezies) oder auch Gattung + spezifischer Differenz. Den Stoff kann man allgemein nicht definieren, sondern nur  bestimmten Stoff (etwa Holz als „Festkörper die in bestimmten Pflanzen vorkommen“).

Abschließend Diskussion um „Was heißt Definition?“ am Beispiel „Wahrheit“: mögliche Definition als „Aussage, die übereinstimmt mit der Wirklichkeit“. Dies wäre die Korrespondenzdefinition. Andere Zugänge wären: Konsensdefinition:  Wahrheit wäre eine Aussage, die von mindestens  zwei  Menschen als richtig angesehen wird.  Letztlich die Kohärenzdefinition“ als übereinstimmende Aussagen einer Person. Im letzten Grunde sind und bleiben aber Definitionen immer „formulierte Konventionen“ (WS), die daher immer auch schon in Frage gestellt werden können. Solches In-Frage-Stellen wird bei manchen Menschen (durchaus auch Philosophen) zum Prinzip erhoben nach dem Motto „Hauptsache man widerspricht“ - das verspricht zumindest einmal (heutzutage wohl v.a.: mediale) Aufmerksamkeit.

Persönliche Anmerkung: Wenn Aristoteles sagt, dass es unklar sei, ob das Konkrete noch ist oder nicht ist „wenn es aus der Vollendung austritt‘“ (être in accomplissement, sagt Sichère), scheint mir dies ein Verweis auf die Zeitlichkeit jedes Körper-Seins zu sein, mit deutlicher Präferenz für die Gegenwart („Da bin ich mir sicher“).

Gerhard Weinberger

Sitzung vom 16. Mai 2018


Nächste Sitzung am 23. Mai 2018

Freitag, 11. Mai 2018

Weisheit und Wunder

»Die Wunderkraft ist eine selbständige Macht für sich und nicht die Macht der Weisheit, und ebenso umgekehrt ist die Macht der Weisheit nicht die Macht der Wunderkraft; denn die Macht der Weisheit ist die stille, geräuschlose Macht der Intelligenz, aber die Wundermacht eine Macht, die nur sinnlichen Effekt und Eklat macht. Beide widersprechen sich von Grund aus: Die Weisheit imponiert der Vernunft, aber das Wunder nur den Sinnen; die Weisheit gibt zu denken, aber das Wunder nur zu schauen; die Weisheit erleuchtet, das Wunder benebelt den Verstand; die Wirkung der Weisheit ist Erkenntnis, die Wirkung des Wunders verblüfftes Staunen; die Weisheit verwandelt wie Orpheus Steine in Menschen, aber das Wunder Menschen in Steine; die Weisheit macht frei, aber das Wunder macht Knechte der Furcht und des Schreckens« (Feuerbach, Über das Wunder, 1839).

Für Feuerbach ist der einfache Mensch »unvernünftig«, »wundersüchtig«; die Vernunft ist zu schlicht und zu einfach für ihn. Im Lehrgespräch des Sokrates mit Theaitetos hingegen bildet das Wunder keinen Gegensatz zur Vernunft. Dort ist gerade das Staunen über die eigenen Beschränktheit der Ausgangspunkt des Philosophierens. Die Erschütterung von Gewissheiten, der Schwindel durch den philosophischen Relationismus, wird zum eigentlichen Wunder, das auch keiner besonderen Weisheit bedarf, sondern nur einer Pädeutik, bei der der Lehrende selbst den Eklat der unbenebelten Verstandestätigkeit durchschritten hat. So ungefähr verstehe ich Weisheitsverzicht.



Wolfgang Koch, 10. Mai 2018

Donnerstag, 10. Mai 2018

In der Metaphysik lesen (BUCH VII (Z), 1035b 19 – 26)


Im Anschluß an den letzten Diskussionspunkt versuchen wir den aristotelischen Begriff der „Wissenschaft“ zu klären – basierend auf dem einschlägigen Artikel in dem schon  öfter genannten Aristoteles-Lexikon von O. Höffe. Der Artikel stammt von Wolfgang Detel, dem Verfasser der ausgezeichneten Einführung Aristoteles (Leipzig 2005).

Wissenschaft ist Wissen von einer Sache mit der Kenntnis von Ursachen – wobei der Begriff „Ursache“ mißverständlich ist. Man könnte auch sagen: mit der Kenntnis der Bestandteile, der Teile, der Eigenschaften.

Wie kommt man zu so einer Kenntnis? Durch Wahrnehmung, Erinnerung, Erfahrung, Forschung,  Faktensammlung.

Soweit die betrachtenden Methoden. Übergang zu den beweisenden Vorgangsweisen, in denen nicht mehr die Sachen sondern Sätze im Vordergrund stehen (die aber immer noch auf Sachen bezogen sind), Definitionen, Hypothesen, Axiome, Beweisführungen, Widerlegungen.

Im Buch I der Metaphysik, in denen es um die „gesuchte Wissenschaft“ geht, wird folgende Stufung des Wissens vorgeführt: Wahrnehmung, Erinnerung, Erfahrung, Phantasie, Kunst – zunächst die ausübende, dann die leitende, das ist auch die lehrende. Die Kunstlehre ist die erste Stufe der Wissenschaft, da sie auch die Ursachen anzugeben weiß.

Die drei großen Richtungen der Wissenschaft sind die eben genannte

Poietische Wissenschaften. Wissenschaft von der und zu der menschlichen Herstellung erwünschter Dinge, nützlicher und schöner Dinge: Gesundheit, Häuser, Gedichte, Kleider.

Dann die praktischen Wissenschaften – nämlich diejenigen von und zu menschlichem Verhalten, richtigem Verhalten, richtigem und weniger richtigem Handeln. Ethik und Politik und Ökonomik.

In diesen Wissenschaften geht es auch um wahre Aussagen – aber sie zielen darüber hinaus auf etwas anderes: Herstellen und Handeln.

Schließlich die theoretischen Wissenschaften, die nur auf Wahrheit zielen:

a – Physik: Wissenschaft von den bewegten und gesonderten Sachen, d. h. von den Körpern. Von den Körpern mitsamt den Seelen – denn alle Körper sind qualifizierte Körper. Qualifiziert sind sie durch Seelen oder so etwas Ähnliches wie Seelen: Wesenheiten, Artbestimmungen. Auch die Menschen gehören dazu, sofern sie Wesen sind und Wesen haben.  Ihr kontingentes Herstellen und Handeln ist Sache der zuvor genannten Wissenschaften.

b – Mathematik: Wissenschaft von den unbewegten und ungesonderten Entitäten. An diesen Wissenschaften lässt sich der Übergang vom sinnlichen Sehen zu einem anderen Sehen feststellen. Das andere Sehen ist Einsicht, Betrachtung.

Soll man sagen: Denken - ?

Wolfgang Koch bringt eine Definition des Denkens von Ludwig Feuerbach: „nur erweitertes, auf Entferntes, Abwesendes ausgedehntes Empfinden; ein Empfinden dessen, was nicht wirklich, eigentlich empfunden wird; ein Sehen dessen, was nicht gesehen wird.“ (Nachgelassene Aphorismen, 1c)

Ich selber verbinde mit „Denken“ weniger so ein erweitertes Sehen, sondern eher eine innere Sprechtätigkeit, hin und her überlegen, herumsuchen, probehandeln.

c – Erste Philosophie. Die teilt sich in zwei Richtungen.

α Theologie: Wissenschaft von dem, was unbewegt und gesondert ist.

β Ontologie: Wissenschaft   von den allgemeinen Bestimmungen aller Entitäten.

Dieser Wissenschaftszweig β  wird in Buch IV ausführlich begründet. Und zwar gemäß der obigen Unterscheidung auf zwei Ebenen.

Ebene der Betrachtung: es gibt eine Wissenschaft, die das Seiende als seiendes betrachtet: Abschnitt 1 und 2. Diese Ontologie-Begründung nenne ich die assertorische.

Ebene der Beweisführung bzw. der unmöglichen Beweisführung und daher widerlegenden Aufweisung des allgemeinsten Axioms, des sichersten Prinzips: elenktische Ontologie-Begründung. (Die Verweigerer dieses Prinzips werden zu „Pflanzen“ degradiert.)

Wolfgang Koch vermutet zurecht, dass auch die theoretischen Wissenschaften, auch c, also die höchste,  selber „poietischen“ Charakter haben müssen – denn sie existieren nur, wenn sie „gemacht“: gedacht, gesprochen, geschrieben werden.

Und so wie in Buch I von Gott als Inhaber und Gegenstand des höchsten Wissens die Rede ist, kann man den Eindruck nicht von der Hand weisen, dass in der aristotelischen Theologie die Grenze von der theoretischen Wissenschaft zur praktischen überschritten wird: denn der Gott ist das Gute. (Immanuel Kant hat die Theologie, die philosophische, entschieden aus der theoretischen Vernunft in die praktische umgesiedelt).

Im Buch I läuft das, was später Erste Philosophie genannt wird, zunächst unter „gesuchte Wissenschaft“ und dann wird es mit „Weisheit“ identifiziert – einem älteren griechischen Erbstück (das allerdings durch die Sophisten in Verruf gebracht worden ist). Beide Bezeichnungen werden fallengelassen. Im Buch II taucht „Wissenschaft von der Wahrheit“ als Leitbegriff auf.

Es zeigt sich, dass für Aristoteles der Begriff „Wissenschaft“ die gesamte Landschaft seiner Tätigkeit umreißt, markiert und gliedert.

Der Titel „Philosophie“ wird dann fallweise bestimmten Wissesnchaftstypen sozusagen ehrenhalber verliehen.

Wir fragen uns, wie „Wahrheit“ definiert werden kann – von uns.

Und wie „Weisheit“. Sophia Panteliadou macht einen Anfang mit: „ein bestimmtes menschliches Tun, Bemühen, das ...“.

Die Grenze zwischen theoretischem und praktischem Wissen wird von Aristoteles auch in der Nikomachischen Ethik überschritten: dort werden Kunst, Wissenschaft, Klugheit, Weisheit und Vernunft (nous) als „dianoetische Tugenden“ analysiert (Nik. Eth. 1138b ff.)


Walter Seitter

Sitzung vom 9. Mai 2018


Nächste Sitzung am 16. Mai 2018


Montag, 7. Mai 2018

In der Metaphysik lesen (BUCH VII (Z), (1035 b 19–26)



Einige Teile des Begriffs (logos), in welche dieser (der Begriff) zerlegt wird, gehen anderen voraus. Denn sowohl die Teile aus Materie (hyle) sowie die in Stoff zerlegten kommen danach/später (1035b 4-5).

Demgegenüber sind die Teile des begrifflichen Wesens, welche als Teile des Begriffs gelten (ob alle oder einige), früher (1035b 13).

Insofern die Seele der Lebewesen ihre Wesenheit (ousia) – als begriffliches Wesen (kata ton logon ousia), als die Art-Form (to eidos) und das Sosein (to ti en einai) – für den konkreten Körper/Leib ist, sind diese Teile früher (zeitlich) als der konkrete lebendige Körper (der durch seine Wirksamkeit bestimmt wird) sowie früher als das Lebewesen als Ganzes.



Der Leib und die Körperteile 

Der Körper und seine Teile folgen dieser Wesenheit (tautes des ousias), nämlich dem Wesen als begriffliches Wesen, als Art-Form und als Sosein.
Ein Teil (Körperteil) wird durch seine Beziehung zu einem Werk definiert (ergon – Arbeit, Funktion, Leistung); in Bezug auf den Finger sei hier mit Werk auf seine (des Zeigefingers) Leistung in Verbindung mit der Funktion des ‚Zeigens‘ hingewiesen.
In den stofflichen Teilen wird nicht das Wesen geteilt, sondern das Ganze/das Gesamte. Und diese Teile gehen in einer Hinsicht dem Ganzen (zeitlich) voraus, obwohl dies in anderer Hinsicht nicht zutreffen kann, weil ja die Teile als lebendige Materie nicht in getrennter Form (d.h., wenn sie vom Ganzen getrennt sind) existieren. 
Denn das Ganze (der lebendige Körper) kann zwar ohne Finger existieren, der Finger jedoch nicht ohne den Körper. Den toten Finger gibt es nur als homonym, d.h. als gleiche (gleichlautende) Bezeichnung für einen anderen Gegenstand – wie z.B. wenn es sich um den Finger einer Statue handelte. 

Anders verhält es sich im Falle der Organe ‚Herz‘ und ‚Gehirn‘. Hier gibt es eine reziproke Abhängigkeit zwischen dem Ganzen und den Teilen: weder das Ganze (der lebende Körper) kann ohne ‚Herz‘ und ‚Gehirn‘ existieren, noch das Herz oder das Gehirn ohne das Ganze. Beiden Organen (Herz und Gehirn) spricht Aristoteles eine spezielle, entscheidende Nähe zum Wesen und Logos zu.



Diskussionssteine:

a. Aristoteles unterscheidet zwischen dem real lebendigen und dem toten Finger; ein Finger, ist der realste Finger, den es gibt – sofern er zu einem lebenden Körper gehört, und der tote Finger ist kein Finger – unabhängig aus welchem Stoff er in diesem Fall besteht (Scheinfinger, falscher Finger). 
In dieser (aristotelischen) Tradition ließe sich ebenso Magritte’s Werk „Dies ist keine Pfeife“ einordnen.

Zur Unterscheidung: Platons „Finger“, Abbild einer Idee, hat weniger Sein und weniger Realität.

b. Analogie (?) zu Lacans Objekt klein ‚a‘ und seinen Bezug zu den vier Partialobjekten: 
Brust (oraler Trieb), Kot (analer Trieb), Blick (skopischer Trieb), Stimme (Invokationstrieb). 
(Die ersten beiden Triebe beziehen sich auf den Anspruch, die anderen zwei auf das Begehren).

c. Aristoteles spricht (implizit) zweien Körperteilen (Organen) die Qualität des Herrschens zu – politische Qualität (1035b 25).

d. Aristotelische Schriften und ihre Bedeutung für die Naturwissenschaften und die Wissenschaftsgeschichte.


Sophia Panteliadou

Sitzung vom 2. Mai 2018



Nächste Sitzung am 9. Mai 2018





Montag, 30. April 2018

In der Metaphysik lesen (BUCH VII (Z), 1035b 14f.)

Heute nur Analyse eines einzigen Satzes. Unter der Lupe soll ein einziger Satz angeschaut werden. Auseinandergeschrieben werden:

Die Seele des Lebewesens ist 

ousia
logos
eidos
to ti en einai

für den Körper des Lebewesens

In dieser Umformulierung des Satzes wird die sehr komplexe ousia durch drei ganz andere Begriffe so erläutert bzw. erweitert, dass insgesamt vier Synonyme aufscheinen.

Vier ganz verschiedene Begriffe, die doch auf eines zielen, dessen erste Benennung ousia lautet.

Erste Benennung, weil abgeleitet von on, dem Grundbegriff der Ontologie. Aus „ontia“, also wörtlich Seiendheit.

Diese Benennung ist die sachlichste, objektivste. Wenn man will: die knappste, reinste, die sturste, die trockenste. 

Man könnte sogar von einer „realen“ sprechen (aber ohne die Extremismen, die Lacan damit verbunden hat).

Die Übersetzungen wie „Substanz, „Essenz“, „Wesen“, „Wesenheit“, „Sosein“, „Entität“ versuchen, möglichst nahe an den griechischen Begriff heranzukommen.

Hingegen entfernt sich das von Aristoteles zunächst genannte zweite Synonym logos, eigentlich he kata ton logon ousia, beträchtlich vom Ausgangspunkt. Es ersetzt das Signifikat durch den Signifikanten, durch den sprachlichen, auch begrifflichen, gedanklichen.

Dass es sich dabei tatsächlich um ein Synonym handelt und nicht um einen irgendwie zusätzlichen oder gar alternativen Begriff, geht klar daraus hervor, dass der Ausgangsbegriff wiederholt wird und mit der Zusatzbestimmung kata ton logon versehen wird: also ousia gemäß dem logos. Derselbe Begriff mit einer Nuancierung.

Logos formuliert den sprachlichen Zugang, der oben Begriff, Benennung genannt worden ist. Den sprachlichen Zugang zur selben Sache – und eben damit doch einen anderen Zugang. Besser gesagt die Reflexion auf den Zugang, der ja von Anfang an gewählt worden ist – sei es griechisch oder deutsch.

Mit Lacan könnte man hier vom „symbolischen“ Synonym sprechen, man könnte, man muss nicht.
Das zweite Synonym, der dritte Begriff lautet eidos. Die Etymologie belehrt darüber, dass das Wort eine präzise Parallelbildung zum deutschen Wort „Gesicht“ ist

e       idos
ge      sicht

Gesicht im Sinne von Gesehenem, Anblick, Gestalt.
War logos vom Sagen aus gedacht, so eidos vom Sehen aus.

Vom Wahrnehmen aus. Vom Wahrnehmen aus bzw. fürs Wahrnehmen ist die Seele für den Körper eidos – und da passt dieses Wort nun ganz genau im Sinn von Körpergestalt, Körperschema, Bauplan für den Körper. Als genetische Information liefert die Seele den Bauplan für den Menschenkörper – mit einigen individuellen Details.

Lacan würde das eidos dem Imaginären zurechnen – wo Ähnlichkeit und Faszination eine Rolle spielen.

Synonym 2 und 3, das sprachliche und das visuelle, enthalten also diese Supplemente – sozusagen Zugaben zum rein Ontologischen.

Synonym 4 lautet to ti en einai. Ist also das komplexeste. Eine Infinitivkonstruktion mit inkludiertem Relativsatz im Imperfekt. Es enthält zwei Formen von „sein“ – den Infinitiv Präsens ‚sein‘ und die Imperfektform ‚war‘.

Das, was war, sein. Oder: das sein, was war. Die Formel beschränkt sich aufs rein Ontologische – kombiniert aber zwei Verbalformen und zwei Tempora.

Das, was schon war, noch immer sein. Rückgriff auf ein „war“, ein imperfektes, und seine Verlängerung, Fortsetzung in die Gegenwart. Aufrechterhaltung eines Vergangenen in der Gegenwart.

Also Beständigkeit. Und zwar Beständigkeit des Was, der Wesensbestimmtheit, die eine Qualität ist, aber keine akzidenzielle, sondern die substanzielle.

Dieses Synonym habe ich unter ein besonderes Vergrößerungsglas – Grammatikanalyse - gelegt, um es sichtbar zu machen. Und entsprechend beschreibbar.

Diese drei bzw. vier Synonyme werden von Aristoteles als Prädikate der Seele zugesprochen. Die Seele ist das und dies und so weiter – und zwar für den Körper (des Lebewesens). Die enge Verklammerung von Seele und Körper geschieht über den ousia-Begriff mitsamt seinen Synonymen.

Wie ich in einem schon öfter genannten Aufsatz vor Jahren ausgeführt habe, gibt es noch mehr solcher Synonyme – zum Beispiel morphe, paradigma, energeia, entelecheia. Dabei handelt es sich nicht um eine festgelegte Zahl. Ebensowenig wie bei den Akzidenzien und den übrigen nicht-substanziellen Seinsmodalitäten (z. B. Möglichkeit, Entstehung ...). Die genannten zusätzlichen Synonyme würden sich ebenfalls genauer betrachten, analysieren, beschreiben lassen; und dabei würde man mehrere Dimensionen des aristotelischen Philosophieren ausfindig machen (und zwar auf eine nicht-konventionelle Weise).

Sehen und sagen.

Insofern die vier Synonyme als Prädikate der Seele zugesprochen werden, ernennt Aristoteles die Seele zu einem fünften, zu einem höchsten Synonym. Denn nicht alle ousiai erreichen den Rang von „Seele“. Nicht alle Körper sind Lebewesen – wie aus Abschnitt 8 von Buch V deutlich hervorgeht.

Walter Seitter


Sitzung vom 25. April 2018

Nächste Sitzung am 2. Mai 2018